Gestern sprang mir beim Zeitunglesen eine Todesanzeige ins Auge. Die Mutter eines alten Freundes, zu dem ich nur noch sporadisch Kontakt habe, ist gestorben. Ungläubigkeit im ersten Moment. Knapp 70 ist sie geworden. Im nächsten Moment Rücksprung in die späten 80er. Ich war damals mit dem besten Freund ihres jüngeren Sohnes zusammen. Bin in ihrem Zuhause ein- und ausgegangen. Habe zusammen mit ihrem ältesten Sohn eine Geburtstagsfeier gefeiert, dufte da das erste Mal aushäusig übernachten und habe mich in dieser Nacht prompt in ihrem Bad fürchterlich übergeben. Sie hat nicht geschimpft. Meine Mutter wäre ausgeflippt. Ganz viele wunderschöne Erinnerungen habe ich an sie,  ihr Heim, den Garten, das Haus immer voller junger Leute, die Clique ging dort ein und aus. Im Keller gab´s nen Billardtisch.

Dann der 5. Dezember. Ihr jüngster Sohn erhängt sich im Keller. Sie hat ihn gefunden. Dass sie das damals überlebt hat wundert mich heute noch. Kein Abschiedsbrief, kein Grund erkennbar. Ein völlig überflüssiger Tod. Mich, bis dahin sorglos jugendlich lebend, haut das völlig aus der Bahn. Ich sehe sie immer noch am Grab ihres Sohnes zusammenbrechen. Sehe meinen damaligen Freund, in der Kirche sitzend, über die Blutsbruderschaftsnarbe in seiner Hand streichend. Bilder die man wohl nie vergisst. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ihn auf einem Fensterbrett sitzend, mich breit angrinsen. Das letzte Mal dass ich ihn lebend gesehen habe. Er wollte reden damals mit seinem besten Freund, aber wir wollten lieber knutschen. Das kann ich mir bis heute nicht verzeihen. Die Sorglosigkeit der Jugend war auf einmal dahin. Später sagte sie uns einmal, wie dankbar sie wäre, dass wir nach C.s Tod nicht aufgehört hätten, sie zu besuchen. Ich wollte sie in den letzten Jahren immer wieder einmal besuchen, fragen wie es ihr geht, mich mit ihr unterhalten. Nie habe ich es gemacht, kam mir ein bisschen blöd vor nach all den Jahren. Hätte ich es mal gemacht, jetzt ist es zu spät.

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